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Der Gefühlstunnel

Dieses verdammte 2020. Es bleibt uns aber auch gar nichts erspart. Immer wenn ich mich mit neuen Gegebenheiten arrangiert habe, BOOM, kommt ein neuer Supergau um die Ecke. 

Das Jahr hat mir viel weg genommen, viele Jobs, Erlebnisse und nun auch noch für einige Wochen mein zu Hause und damit meinen Mann. Denn der ist zurück in den USA, während ich in Deutschland bleiben musste.

 

Die größte emotionale Herausforderung dieses Jahr ist für mich die Trauer. Wir kennen sie die Trauer über die Dinge die gecancelt wurden. Geburtstage, Urlaube, Momente mit Freunden und Familie, Kurse, Konzerte und sportliche Events, Jobs und Einkünfte wurden alle gecancelt… Die Liste ist endlos. Wir alle trauern um Momente die uns genommen wurden. Und ich trauere auch um Momente und Erlebnisse die in der nahen Zukunft nicht stattfinden werden. Wir waren alle gewohnt, dass Ereignisse so passieren werden, wie wir sie voraus planen. 

Zuerst fühlen wir vielleicht Wut, wenn die Dinge mal wieder anders laufen als geplant. Und unter dieser Wut liegt meist die stille Trauer. Und da wir total hilflos sind und das meiste ja auch nicht ändern können bleibt uns nur das traurig sein.

 

Ich glaube es ist wichtig, dass wir dem Verpassten auch hinterher trauern. Wir sitzen alle in der selben Achterbahn die uns wild umeinander schleudert. Aber wir werden es schaffen irgendwann auszusteigen um durchzuatmen. Leider werden wir trotzdem da stehen und uns bedröppelt andere glitzernde bunte Achterbahnen anschauen, die wir dieses Jahr leider nicht fahren werden, weil sie außer Betrieb sind.

Ich möchte euch einladen, traurig zu sein wenn es euch danach ist

Das hat mir in den letzten Wochen geholfen, nachdem mein Leben vor kurzem komplett um 180Grad gedreht wurde. Wenn mir eingefallen ist, was ich nicht erleben darf (auch simple Sachen wie: kein Weihnachtsbaum aus Vermont in unserem gemütlichen zu Hause in NYC, da ich den Rest des Jahres in Deutschland bleibe), dann habe ich das Gefühl einfach zugelassen und es durch mich durch rauschen lassen, anstatt dagegen anzukämpfen. Ich glaube es ist überlebenswichtig Gefühle zu fühlen, anstatt sie tief zu vergraben. Wir müssen nicht immer stark sein. Was wir alle dieses Jahr erleben ist eine extreme Herausforderung. Und deswegen dürfen und sollten wir auch extreme Gefühle zulassen. Ich glaube, dass wir nur so da einigermaßen gesund durch kommen.

 

Es macht natürlich Angst die eigenen Gefühle zuzulassen. Da ist ja nicht nur Traurigkeit in uns drin sondern eben auch Wut, Frust, Enttäuschung, Erschöpfung, Einsamkeit usw. aber vielleicht mündet doch alles in die Traurigkeit. Das ist schon ein toxischer Cocktail der da in uns brodelt. Leider wir müssen durch die Gefühle durch um uns zu entgiften und um auf der anderen Seite des Tunnels wieder rauskommen zu können.

 

Wenn wir diesen dunklen Tunnel der Gefühle vor uns sehen wissen wir nicht, wie es da drin sein wird. Was passiert, wenn wir unsere unangenehmen Gefühle zulassen?

Wenn wir sie nicht zulassen, werden sie uns irgendwann einholen und dann kann es sein, dass der Wagen unserer Achterbahn entgleist. Um weiterhin in der Metapher zu bleiben:  

Wenn deine Achterbahn immer wieder chaotisch die Richtung wechselt, ist es besser zwischendrin auszusteigen und zu kotzen, um dann weiter zu fahren.

Anstatt non stop weiterzufahren um am Ende nicht mehr aussteigen zu können, weil Du bewusstlos und kreidebleich im Wagen liegst.

 

Klingt jetzt evtl. extrem, aber so ist es doch letztlich. Was wir mental, körperlich und emotional stemmen dieses Jahr ist ein absoluter Supergau.

 

Ertappst Du dich auch dabei, alles herunterzuspielen? Das mache ich auch gerne. „Ach Susi jetzt sei nicht so. Anderen geht es viel schlechter als Dir, sei dankbar über das was du hast.“ Wieso verurteilen wir uns? Warum erlauben wir uns in solchen Momenten unsere Gefühle nicht zu spüren? Vielleicht weil wir Angst davor haben, was wir alles brav hinunter geschluckt haben dieses Jahr um weiter zu funktionieren. Und vielleicht wollen wir auch nicht jammern.

 

Also nähern wir uns in kleinen Schritten dem bösen dunklen Tunnel der Gefühle. Um mich langsam an meine aufgestauten Gefühle heranzutasten habe ich angefangen Musik zu hören und mich dazu zu bewegen, egal wie es aussieht (huch!), alles raus tanzen was da in mir schlummert. Oder mich für ein paar Minuten hinzusetzen, ruhige Musik hören und tief atmen. Ich singe laut Lieder mit, egal wie es klingt. Oder fluche wenn ich alleine bin, egal was da raus kommt aus meinem Mund. Kommt gut beim Autofahren!

 

Oft kommen dann auch Tränen. Manchmal kullern sie einfach nur still vor sich hin und manchmal kommt ein ganzer hysterischer Schwall raus. Hauptsache es ist reinigend. 

Und dann geht da auch ein kleines funkelndes Licht an im Gefühlstunnel, das den Weg zeigt.

Du kannst in Etappen durch den Tunnel durch spazieren, dich immer wieder mit deinen Gefühlen konfrontieren. Oder einmal zügig durchrauschen mit einem Achterbahnwagon, indem du mal in einem großen Schwall alles raus lässt was da in dir schlummert. Du entscheidest welche Variante für dich am gesündesten und umsetzbar ist.

 

Eines ist sicher, wir werden verändert sein nach diesem Jahr und uns wird bewusst sein, dass wir anpassungsfähiger sind als wir dachten. Ich hoffe und glaube fest daran, dass wir alle in diesem Prozess so krass wachsen werden und das es uns letztlich zu einer besseren Version von uns führt. Auch wenn der Weg dahin echt schmerzhaft ist. Doch wir wissen, in jeder Krise liegt ein Schatz verbuddelt den wir finden dürfen. 

Der Schatz ist emotionale evolution.

Der Gefühlstunnel bleibt an Ort und Stelle stehen und wir werden wohl immer wieder da durch müssen. Nur ist er für uns nicht mehr so dunkel und böse, weil wir ja schon ein paar mal durchgefahren oder gelaufen sind. 

Und vielleicht haben wir inzwischen ja ein schönes buntes Lampion in unsrem Wagon, dass den dunklen Tunnel nicht mehr so angsteinflößend macht. 

INSPIRATION: 

Ich möchte Dir eine Podcastfolge empfehlen, die mich inspiriert hat für diesen post. 

Der Podcast ist in englisch und von Brené Brown: „Unlocking Us“

Folge: 7.Oktober

Brené with Emily and Amelia Nagoski on Burnout and How to Complete the Stress Cycle

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Comments: 1
  • #1

    Anise (Saturday, 14 November 2020 09:26)

    Wunderschöner und gefühlvoller Text. Danke Susi.Drück dich.Nis