· 

Fliegen während einer Pandemie

Ende Mai 2020

 

Der Tag ist gekommen! Wir mussten das unvorstellbare tun: einen Transatlantikflug nach Frankfurt während einer Pandemie. Woohoo!

Warum?

Ich musste die USA verlassen, wegen meines Visas. 

Mein ursprünglicher Flug wurde wegen dem Covid Chaos annulliert. Also habe ich gewartet bis sich alles etwas beruhigt und meinen zurückgestellten Flug auf ein späteres Datum gebucht. 

 

Ich wusste wenn wir fliegen, müssen wir extrem flexibel sein. Ehrlich gesagt hatte ich auch ein bisschen Angst. Was, wenn einer von uns sich den Virus einfängt und wir jemand anderen infizieren? Ich habe mich beruhigt und mir gesagt, dass alles gut sein wird und wir sowieso in einem halb leeren Flugzeug sitzen, und genug freie Plätze zwischen uns sein werden. Denn wer würde schon freiwillig momentan fliegen.

 

Als ich das genaue Datum unserer Abreise wusste, habe ich die Fluggesellschaft angerufen und meinen Flug umgebucht. Das ganze lief ziemlich reibungslos ab. Ich musste jedoch 199 $ bezahlen, was ich komisch fand, da mein ursprünglicher Flug ja annulliert wurde von Seite der Airline. Aber ich wusste flexibel bleiben ist angesagt und ich war sogar froh, dass es noch so günstig war. Denn das frisch gebuchte Ticket meines Mannes war extrem teuer.

 

Mein Schwiegervater fuhr uns zum Newark Airport. Kaum Autos, kein Verkehr, es war irgendwie unheimlich. Ich erwartete eine Geisterstadt als wir uns in den Terminal gewagt haben und ich konnte nicht fassen, was ich da sah: eine ewig lange Schlange von Passagieren mit Maske stand am Check in Schalter an für unseren Flug. Warum um alles in der Welt wollen so viele Menschen fliegen? 

 

Wir stellten uns vorsichtig dazu und fühlten uns wie unsere Vorfahren. Ich habe mich gefühlt als würde ich gerade für die Titanic anstehen. Keine online Check in App auf dem Handy oder check in Kiosk am Flughafen waren in Betrieb. Das war kein guter Start. 

In der Schlange standen Familien, einige ältere Damen (warum? Sie sind die Risikogruppe!), und eine Familie huschte an uns vorbei, bis nach ganz vorne zum First Class Check in, mit ihrer gesamten Wohnungsausstattung im Schlepptau.

 

Als wir endlich dran waren nach gefühlten Stunden des Wartens, bearbeitete die Dame hinter dem Schalter unsere Buchungen und sagte plötzlich zu mir:

„Sorry, aber ich hab kein aktives Ticket für Sie.“

Was zum Teufel.. Eine brennende Flamme rauschte von meinem Kopf bis runter zu meinen Zehen. Ich lächelte kurz, reicht ihr meinen Papierausdruck (wie altbacken) und sagte: „Hier ist meine Buchungsbestätigung, ich habe meinen Flug telefonisch umgebucht und habe ein neues Ticket bekommen.“

„Ja, aber das Ticket wurde intern nie aktiviert.“

 

In den nächsten paar Sekunden ging ich in meinem Kopf alle möglichen Optionen durch, wie diese Sache enden könnte. Sie erklärte uns, dass wir die Hotline anrufen müssen, da sie uns im Moment nicht weiterhelfen könne, und ihre Chefin gerade mit anderen Kunden beschäftigt ist. Ich blickte nach links und sah die Mutter der First Class Familie an dem Schalter für Problemfälle warten. Sie sah aus als wolle sie ihre Küche einchecken, so energisch wie sie sprach. 

 

Wir stellten uns dort an, und riefen beide jeweils die Hotline an. Mein Mann fing an hektisch auf meinem Handy herum zutippen, um sich meine Buchung anzuschauen. Dabei drückte er den Löschknopf, und Schwupps, meine Buchung war ausversehen gelöscht. Ein weiterer kurzer Feuerrausch durchzuckte mich. Die E-Mail war auf meinem deutschen Handy, ich hatte kein mobiles Internet, wie sollten wir nun an diese Buchung wieder rankommen.

 

Wir warteten hilflos weitere 45 Minuten und ich fing an Gebete an das Universum zu schicken, es solle doch diese Misere bitte lösen. Sofort! Ich spürte, das rote Flecken sich auf meinen Hals und mein Dekolletee ausbreiteten. Ich nenne diese inzwischen meine Chamäleonflecken hoher emotionaler Nervosität. Meine Freunde kenne dieses Phänomen sehr gut und warnen mich immer frühzeitig. Sieht nicht hübsch aus, ich habe die Flecken sogar während meiner Brautrede bekommen.

 

Die Mutter der erste Klasse Familie war immer noch am Schalter und mir wurde klar, dass Zeit unser Problem sein wird. Wir konnten niemanden in der Hotline erreichen und ich begann mich wütend zu werden. Irgendwann waren wir endlich an der Reihe. Ich habe meinen Mann noch schnell ermahnt: „Sei bitte nett, wir brauchen Ihre Hilfe.“

Glücklicherweise schaltete die Dame in den volle Kraft voraus Problemlösungsmodus. Sie tätigte einige Anrufe und nach ein paar Minuten (die sich wie eine weitere Stunde anfühlten) sagte sie:

„Wir haben ihr Ticket.“

„Danke liebes Universum“, antwortete ich.

„Aber wir können es nicht aktivieren.“

Mist!

 

Mit der Zeit im Nacken haben wir letztendlich die Differenz für ein neues Ticket von 600 $ zahlen müssen, damit ich mitfliegen konnte. Völlig fertig erreichten wir als letzte Passagiere das Gate. Unsere Münder waren trocken wie die Sahara Wüste, es war jedoch nirgendwo die Möglichkeit Wasser zu kaufen, noch nicht mal ein Getränkeautomat. Wollt Ihr mich verarschen? Wir haben eine Pandemie, keine Dürre. Ich erspähte einen Wasserbrunnen in der Ferne, es war zum Glück keine Fata Morgana. Ich rannte hin und füllte meine wiederverwendbare Wasserflasche auf, die wir gleich auf Ex ausgetrunken haben.

 

Den Abstandsregeln folgend betraten wir endlich das Flugzeug und konnte nicht fassen was ich sah: das Flugzeug war voll, komplett voll. Was ist mit Plätze frei lassen zwischen den Leuten? Was ist mit Abstand halten? Lektion gelernt: sobald es ums wirtschaftliche Überleben geht, ist für die Fluggesellschaft der bezahlte Sitz wichtiger, als der Schutz der Passagiere. 

 

Nun saßen wir da, alle Schulter an Schulter mit unseren Masken. Einige Leute hatten sogar Ghostbuster mäßig 3M Schutzanzüge an, Schutzbrille und zwei Masken. Eine N95 und darüber eine normale die die untere schützte. Wie können diese Leute atmen? Ich fühlte mich wie ein totaler Depp mit meiner bunten selbstgenähten Stoffmaske von meiner Tante.

Ich fing an einen Vater mit seiner Tochter zu beobachten. Sie machten den Eindruck, als wären sie unter voller Kontrolle und wussten ganz genau was sie zu tun hatten. Sie trugen beide professionelle Masken und wischten regelmäßig alles mit in Alkohol getränkten Wattebausche ab, die der Vater immer aus einem Schraubglas heraus friemelte. Ich bewunderte die beiden. 

 

Ich entschied mich den Film „Judy“ anzuschauen. Am Ende musste ich weinen, und einige Tränen waren sicherlich Weltschmerztränen, die meiner Seele entflossen. 

 

Der Service war sehr einfach. Wir bekamen eine große Wasserflasche zu Beginn des Fluges, und eine weitere kleine später. Außerdem gab es nur ein Gericht zur Auswahl. Als das Essen vor mir stand, fragte ich mich: Wie essen wir jetzt alle? Nehmen wir jetzt unsere Maske ab? Ich wartete und schaute mich um. Die Leute in den 3M Schutzanzügen starrten beunruhigt ihr Essen an, der Rest von uns nahm die Maske ab und begann zwiegespalten mit der Nahrungsaufnahme.

 

Nach einer Weile wurde ich unruhig. Mir wurde auf einmal klar dass ich seit Wochen, Monaten nicht mehr mit so vielen Leuten auf engem Raum war. Ich war fast drei Monate zu Hause.

Ich bekam plötzlich das Gefühl nicht mehr genug frische Luft zu bekommen. Die Passagiere um mich herum fingen an zu schlafen und ich entschied mich meine Maske heimlich ein klein wenig zu lockern, um nicht in Panik zu verfallen.

 

Ich habe eine riesige Lektion über Disziplin gelernt. Der Vater und die Tochter neben mir haben in 7,5 Stunden weder getrunken, gegessen oder die Toilette benutzt. Sie haben alles getan um ihre Maske nicht abnehmen zu müssen. Ich konnte es echt nicht glauben. In diesem Moment habe ich mir versprochen, immer wenn ich glaube etwas nicht zu schaffen denke ich an diese beiden tapferen Passagiere. 

 

Der Flug war endlich gelandet und wir wollten alle so schnell wie möglich aussteigen. Aber man ließ uns warten. Nach 10 Minuten kam die Ansage: Bitte entschuldigen Sie den verspäteten Ausstieg aus dem Flugzeug. Wir müssen sie jedoch in kleinen Gruppen aussteigen lassen um die Abstandsregeln einzuhalten. 

„Ha ha, wollt ihr mich verarschen? Wir saßen gerade stundenlang wie die Sardinen aufeinander. 

Abstandsregel?!“, beschwerte ich mich in Gedanken und lachte dabei laut. Die Leute schauten mich müde und gelangweilt an. 

 

Die Crew war gestresst während des ganzen Fluges und es wurde nicht viel gesagt während des Service. Als bei der Landung jemand Aufstand kam eine energisch wütende Durchsage des Steward durch die Lautsprecher: was verstehen Sie nicht wenn ich sage, setzen Sie sich hin!

„Uuuhh“ dachte ich, „das war jetzt umprofessionell.“

 

Die Passkontrolle lief glücklicherweise reibungslos, aber was sollten sie auch schon sagen ich reiste in mein Heimatland ein. 

Da waren wir nun in Frankfurt. Wir nahmen den ICE nach Bayern und ich war froh, dass das Schlimmste hinter uns war. Falls wir uns angesteckt hatten, dann wussten wir es nicht. Wir haben unser Bestes getan. In meinem Rucksack befand sich der Zettel, den wir im Flugzeug alle bekommen haben. Darauf steht das man sich laut Gesetz an das regionale Gesundheitsamt melden musste, und 14 Tage in Quarantäne musste. 

Das haben wir dann gemacht, aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Tag.

Die Zeit während der Pandemie in NYC war schockierend und traurig. 

Wie sich das alles genau angefühlt hat kannst Du hier lesen:

Write a comment

Comments: 0