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Der Herzschlag von NYC

Mitte April, New York City 2020

 

Ein paralleles Universum:

In den Strassen … ungewöhnlich ruhig, gruselig, total leer.

In den Krankenhäuser … laut, stressig, ängstlich, chaotisch.

 

Ich sitze in der Wohnung und fühle mich zerrissen zwischen diesen beiden Realitäten: einerseits der Horrorfilm den ich jeden Tag in den Nachrichten anschaue und andererseits mein gelangweiltes Abhängen auf der Couch, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Abend. Es passt nicht zusammen, dass ich hier rumfläze, während andere erschöpft um Menschenleben kämpfen. So eine Dualität ist doch nicht fair!

 

Ich laufe ziellos durch die Strassen meiner Nachbarschaft in Brooklyn. Sie liegt direkt am Wasser und ich kann Downtown Manhattan sehen. Die Touristen würden hier normalerweise durch die Strassen flanieren um Bilder von den zwei Brücken zu machen, die die legendäre Skyline einrahmen. Aber die Touristen sind längst geflohen. 

Ich bin hier manchmal fast die Einzige die hier rumläuft. Viele Menschen haben ihre sieben Sachen gepackt und unser Hochhaus verlassen. Wo sind sie hin gegangen, frag ich mich. Zu den Eltern? In eine Hütte im Wald? Sollen wir auch gehen? Sind wir naiv, dass wir bleiben? Aber man kann doch nicht einfach wegrennen vor großen Problemen. Wo liegt die feine Linie zwischen Dummheit und Heldentum? Vielleicht liegt es am Ende darin, ob man die Option hat woanders hinzugehen. Nach wenigen Tagen sind 70% unserer Mitbewohner weg.

 

Um den monotonen Alltag aufzulockern holen wir uns zweimal täglich einen Kaffee. Das ist ein riesiges Ereignis jeden Tag. Wir sind dankbar, dass unser lokales Café schnell einen Weg gefunden hat, unsere Gemeinschaft der Übriggebliebenen weiter zu versorgen. Der tägliche Plausch mit den Angestellten dort ist unser soziale Highlight des Tages. Ich fange an zu verstehen, wie wichtig soziale Interaktion für uns Menschen ist. Wir könnten uns schliesslich unseren eigenen Kaffee zu Hause machen. Außerdem helfen wir dem Kaffeeladen zu überleben, da keine Büroangestellten kommen um Kaffee zu kaufen. 

 

Ich mache mir jeden Tag Sorgen um meine Familie, Freunde und uns. Ich schaue mir weiterhin täglich die Nachrichten an, ich kann einfach nicht wegschauen es ist wie eine Sucht. Ich habe Angst. Jeden Tag schaue ich Gouverneur Cuomo’s Pressekonferenz an. Er haut mir zuerst die Fakten um die Ohren die wirklich schockierend sind, dann wie man sich verhalten soll und schliesst seine Ansprache mit tröstenden Worten ab:

 

NEW YORK IST TAFF  

                          SCHLAU

                          VEREINT

                          DISZIPLINIERT

                          LIEBEVOLL

Seine beruhigenden Worte begleiten uns durch die nächsten Wochen. Auf und ab. Gefühle werden gefühlt. An manchen Tagen ist einer von uns wütend und verzweifelt. Manchmal weine ich. Obwohl die Regeln denen wir folgen sollen nicht durchs Gesetz angeordnet werden, setzen wir sie alle um. Und das ist der große Unterschied zwischen den USA und Deutschland.

In Deutschland werden die Einschränkungen mit strickten Gesetzen implementiert, da gibt es keine Grauzonen. Es scheint zu funktionieren, die Infektionszahlen bleiben niedrig.

Hier in New York sind die Maßnahme Empfehlungen und es wird erwartet, dass man sie umsetzt. Und es ist klar, dass wenn du dich entschieden hast, in New York City zu wohnen, bist du auch für den Schutz der  Einwohner mit verantwortlich. Es funktioniert hier nur wenn all an einem Strang ziehen. Wir tun es alle freiwillig. Und es klappt. Langsam sinken die Zahlen in der 8 Millionen Metropole.

 

Einer der traurigsten Momente ist jedesmal der Abendspaziergang. Dann sehen wir das Empire State Building aus der Ferne. Die Lichter sind normalerweise ein Zeichen von Hoffnung und Kraft, doch jetzt pulsieren die Lichter rot, wie ein Rettungswagen. Oder wie der Herzschlag der Stadt, der sagt: wir geben nicht auf. Der Anblick bringt mich immer zu Tränen, weil es die Tragödie dieser Weltmetropole ausdrückt.

Nach 6 Wochen, trauen wir uns ein Auto zu mieten um eine Spritztour durch Manhattan zu machen. Freiheit! Ich war seit Wochen nicht mehr in der U Bahn und genauso lange nicht mehr drüben in Manhattan. Zwar sehe ich die Skyline jeden Tag von Brooklyn aus, aber was dort wirklich passiert sehe ich nur im TV. Manhattan fühlt sich manchmal total weit weg an. Wir sehen alles mal mit unseren eigenen Augen. Aber der Anblick ist traurig.

 

Wieso sind wir genau jetzt in dieser Stadt, die gerade so ein Trauma durchlebt? Es muss einen größeren Sinn haben, und vielleicht, wenn sich alles wieder beruhigt, verstehen wir ihn. Vielleicht verändert es uns als Mensch so sehr, dass es ein Teil unsere Lebensgeschichte wird.

Als ich früher als Teenager regelmäßig nach New York kam um Tanzunterricht zu nehmen und die Energie der Stadt auf zu saugen, hätte ich mir nie erträumen lassen hier zu wohnen während einer Pandemie.

 

Bevor ich abends einschlafe schicke ich heilende Energie an Kranke und Kraft an diejenigen, die ihre Liebsten verloren haben. Ich schicke Gesundheit an meine Familie und Freunde. Und ich hoffe, dass das alles Teil eines größeren Plans ist, um uns alle aufzuwecken.

UM ZU ERKENNEN, DASS DAS MITEINANDER WICHTIGER IST, ALS DAS GEGENEINANDER.

Jetzt hat sich die Stadt die niemals schläft hingelegt, um ein Nickerchen zu machen. Es fühlt sich nicht so an als würde sie ruhen, da ein Teil der Stadt um das Leben Ihrer Einwohner kämpft. Ich glaube während New York City schläft, träumt es. Es träumt von einer neuen Ära, die Veränderung zum Guten bringt. Mehr Güte, Liebe, Gleichgerechtigkeit und Respekt. 

 

Die Stadt wird erholt aufwachen, mit neuer Energie und neuen Aufgaben. Sie wird diejenigen die bereit sind, sich mit ihr neu zu erfinden in die Arme nehmen. 

 

Auf dich NYC, auf deine Evolution… und unsere. 

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Comments: 2
  • #1

    Geli (Sunday, 02 August 2020 13:02)

    Sehr sehr schön geschrieben, ich hatte feuchte Augen. Ich freu mich auf die nächsten Beiträge!

  • #2

    Marina (Saturday, 08 August 2020 03:30)

    Sehr schöner und interessanter Artikel.