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Applaus! Du hast die 40 geknackt!

Die Sonne scheint und reflektiert auf der Wasseroberfläche des East River. Ich sitze auf einer Bank in Brooklyn und blicke auf die Skyline von New York York City. Ich denke darüber nach, wie verrückt die letzten 39 Jahre waren. Ich hätte definitiv nicht gedacht, dass ich in diesem Moment in meinem Leben hier sitzen würde.

39 klingt noch jung. Aber 40 nicht so.

Ich werde im Oktober 40, 2020 das Pandemie Jahr. Das Jahr in dem alles für alle anders ist. Die Pläne die wir alle hatten wurden fast alle über Bord geworfen.

 

Wir haben 6 Monate mit einem Virus hinter uns, der die Welt wach gerüttelt hat. Und meine Pläne sind in einem Wagon die Achterbahn abwärts gefahren hinein in ein großes schwarzes Loch. Ich fing an Schauspielunterricht in New York zu nehmen, habe angefangen Kontakte zu machen und war endlich soweit meine Green Card zu erhalten nach 2,5 Jahren Wartezeit. Ich bekomme sie eigentlich sofort, aber es gab eine Bearbeitungswarteschlange die eine sehr lange Verzögerung mit sich bringt.

 

Alles was ich dachte, dass dieses Jahr passieren würde ist plötzlich weiter entfernt als jemals zuvor. Die Vergabe von Green Cards ist auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt, und Schauspielkurse und Theater Jobs scheinen erst wieder Mitte nächstes Jahr stattzufinden.

Jetzt sitze ich also hier und werde 40. Zwei Stimmen in meinem Kopf kämpfen gegeneinander. Eine lobt mich für das, was ich bis jetzt in meinem Leben erreicht habe, die andere sagt mir dass ich eine totale Versagerin bin. Die letztere kenne ich sehr gut, Sie ist meine Gefährtin seit 20 Jahren, seit ich mit meiner künstlerischen Laufbahn begonnen habe. Es ist die Kritikerin. (Wow, 20 Jahre klingt ganz schön lang!) 

Diese zweifelnde Stimme ist eine natürliche Erscheinung, wenn man erstmal den Weg der Kunst eingeschlagen hat. Und ich würde sagen, sie ist auch das größte Hindernis in der Laufbahn eines Künstlers.

Der neue Covid 19 Alltag gibt den Stimmen in meinem Kopf viel Raum um zu diskutieren. Da fast alle Jobs abgesagt wurden habe ich viel Zeit und meine Gedanken nutzen das schamlos aus. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Oder wie es die Autorin Elizabeth Gilbert sagt: Wenn Du deinen Gedanken nichts zu tun gibst, werden sie etwas zutun finden, und das wird unschön!

Nun befinde ich mich also in dem Dilemma 40 zu werden. Als Frau ist das ein seltsames Alter.

Um ehrlich zu sein fühle ich mich jung, fit und freue mich meines Lebens. Aber gleichzeitig bin ich jetzt wohl auch älter. Jemand in seinen 60gern sagt: „Schätzchen, du bist noch jung!“ Während jemand in seinen 20gern sagt: „Hey, jetzt wirste alt!“ Und was ist es nun? Anscheinend ist es ein Sache der Perspektive.

 

Die Gesellschaft würde mich so beschreiben:

Sie sieht jung aus und verhält sich auch so, und ist manchmal sogar ein wenig naiv in ihrem Verhalten. Sie ist gut durchs Leben gekommen, hat es geschafft ihr Hobby zum Beruf zu machen. Ist jetzt seit kurzem sogar Autorin. Die Umzüge nach London und New York haben sie stärker gemacht und manchmal auch ein bisschen schüchterner. Das einzige Problem ist:

warum ist sie keine Mutter?

Das ist der große Elefant im Raum wenn man 40 wird. Sie ist verheiratet, also warum hat sie denn bitte schön keine Kinder? Ja warum eigentlich? Mein Leben war nie langweilig, ich habe nie den Drang verspürt Mutter werden müssen. Ich hatte so viel zu tun und hatte Erfahrungen die mich so sehr herausgefordert haben, dass Mutter sein ehrlich gesagt nicht so auf meinem Radar war. Jetzt frage ich mich allerdings schon wie jung meine Eizellen und Eierstöcke noch sind, wo doch jetzt die böse Zahl erreicht wird! Das Thema wird auf einmal präsent, da die 40 vor der Tür steht.

 

An manchen Tagen werde ich nervös bei dem Gedanken die Chance schwanger zu werden verpasst zu haben. Aber andererseits vertraue ich auch dem Universum und mir selbst dass das richtige passieren wird. Wenn ich mein bisheriges Leben anschaue, deuten alle Zeichen darauf hin, dass das Universum die Herausforderung Mutter zu sein mir ziemlich sicher zukommen lassen wird. Vielleicht rede ich mir das aber auch nur ein, um mich zu beruhigen.

Um ehrlich zu sein kann ich mir vorstellen ein erfülltes Leben ohne Kind zu leben. Wenn man nicht weiß was man verpasst, vermisst man ja auch nichts. Mein Leben ist erfüllt und ich hab noch so viele Träume, dass ein Kind das sicher erschweren würde. Aber ich möchte doch gerne die Chance haben Mutter zu sein. Sollte es nicht klappen so ist das mein Schicksal, das ist okay.

 

Ist es nicht komisch dass man eine Nummer erreicht, die deine Existenz bemisst, die aber für jeden etwas anderes bedeutet? Manche Menschen mit 30 fühlen und verhalten sich als wären sie alt, während andere Leute mit 60 eine komplett neue Karriere beginnen, wie zum Beispiel meine Eltern.

Ich habe meine dreißiger geliebt. Zuerst hatte ich eine Krise, aber dann fand ich es super mich zu kennen und zu wissen was ich will. Außerdem ist der Selbstfindungsprozess andauernd. Also was sollte sich wirklich verändern? Am Tag nach meinem Geburtstag werde ich mich nicht anders fühlen und es wird einfach nur ein neuer Tag in meinem Leben sein. Aber mit einem neuen Label. Wie die Leute über mich denken wenn ich sage: „Ich bin 40.“

Wenn ich das laut ausspreche, hört sich das total unrealistisch an. 

Und sind wir doch mal ehrlich, wahrscheinlich ist das alles nur in meinem Kopf…

 

Während die Sonne heute in mein Gesicht scheint und die U Bahn auf der Manhattan Bridge hinter mir laut dröhnt, bin ich stolz auf mich und bin bereit 40 zu werden. Eine neue Dekade, ein neues Kapitel. 

New York hat mich härter gemacht und ich mag das. Wir können alle Rockstars sein und einfach die verrückte Achterbahnfahrt des Lebens genießen. Mein Wagon fährt jetzt mit einem lauten 

„Ding Dong!“

durch ein großes Tor auf dem ganz groß 40 steht. 

Applaus, du hast die 40 geknackt. Ich werde einfach weiter fahren auf meiner Achterbahn, der Wind in meinen Haaren, manchmal halte ich mich fest manchmal strecke ich meine Arme in die Luft, und warte auf den nächsten wilden Richtungswechsel.

 

Während die Stimmen in meinem Kopf diskutieren und die Leute sich ihre Meinung über mich bilden ist eine Sache klar.

Ich habe Glück, gesund zu sein und eine neue Dekade zu erreichen. Manche Menschen haben die Fahrt durch das 40 Tor nicht geschafft. Wir schulden ihnen, unser Leben mit all seinen Kurven zu feiern.

 

Also Prost an alle die demnächst 40 werden. Wir haben es bis hier her geschafft, uns ist klar wie wichtig Zeit ist und haben keine Lust auf Menschen die unsere Zeit vergeuden. Das Leben ist  einfach ein bisschen realer und ehrlicher.

Neue Dekade ich bin bereit, zeig mir was du kannst!

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Comments: 1
  • #1

    Julia Koch (Thursday, 22 October 2020 11:41)

    Welch schöner Text! Danke!